Es sind die ersten Tage im August 2002. Ganz Deutschland steht noch unter dem Schock des Flugzeugzusammenstoßes über dem Bodensee mit 71 Toten. Die Hartzreformen sind auf dem besten Wege Wirklichkeit zu werden und ein möglicher Irakkrieg erhitzt die Gemüter. Noch ahnt niemand, dass es bald mehr als genug Abkühlung geben wird.
Fast unbemerkt zieht Tief "Ilse" vom Mittelmeer aus nach Norden über Europa hinweg, bis sich in der Nacht zum 11. August enorme Wassermassen über Tschechien, Österreich und Deutschland entladen. Schon seit Tagen hat der Dauerregen den Boden aufgeweicht, die erneuten Niederschläge sind zu viel. Ohne Möglichkeit zu versickern, bahnt sich das Wasser seinen Weg durch Bäche und Flüsse in die Täler.
Jahrhundertflut in Sachsen
Ein Großteil der Regenfälle geht im Erzgebirge nieder, wo die dort entspringenden Elbe-Zuflüsse wie Müglitz oder Weißeritz - normalerweise kleine, beschauliche Bäche – als reißende Ströme über die Ufer treten. Viele Ortschaften sind von der Außenwelt abgeschnitten. Energie-, Wasser und Wärmeversorgung fallen aus, Telefonverbindungen sind tot, Straßen und Gleise unbefahrbar. .
Hochwassermeldungen von allen Seiten
Den ersten Katastrophenalarm lösen die zuständigen Behörden in Bayern aus, wo die Donau in Passau fast den Rekordstand von 10,40 Metern aus dem Jahr 1954 erreicht. Die Meldungen häufen sich: In vielen Orten wird die höchste Hochwassermeldestufe 4 überschritten. Bei Glashütte in Sachsen passiert dann das Unfassbare: Am 12. August bricht der Damm eines Rückhaltebeckens, wodurch 50.000 Kubikmeter Wasser durch das Müglitztal stürzen.
In Bayern beruhigt sich die Lage, Sachsen aber muss der Katastrophe ins Auge sehen: Als das Elbe-Hochwasser am 16. August Dresden erreicht, hat schon die Weißeritz die Altstadt mitsamt Zwinger und Semperoper überflutet. Ihren Zenit erreicht die Flut am 17. August mit 9,40 Metern, danach sinken die Pegelstände allmählich wieder.
Bilanz einer Katastrophe
Insgesamt sieben Bundesländer sind Opfer der Flut: Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Der Schaden beläuft sich deutschlandweit auf 9,2 Milliarden Euro, davon allein sechs Milliarden Euro in Sachsen. Die Flut hat 21 Menschenleben in Sachsen gefordert, 25.000 Häuser zerstört oder schwer beschädigt und den größten Katastropheneinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik ausgelöst: Rund 128.000 Helfer von Feuerwehr, THW, Bundeswehr und Bundesgrenzschutz sind unermüdlich im Einsatz. Insgesamt spenden die Deutschen 260 Millionen Euro für die Opfer der Flutkatastrophe. Bund und Länder beteiligen sich mit 8,7 Milliarden Euro am Wiederaufbau. Im Angesicht der Jahrhundertkatastrophe rückt ganz Deutschland zusammen, wie es zuvor selten für möglich gehalten wurde – und heute noch wird. (kw)




